Alt werden im Freiheitzsentzug

Bericht über die Europäische Tagung
„Altwerden im Freiheitsentzug - Senioren im Zwangskontext"
vom 04. bis 07. Juni 2015 in Saxerriet - Oberschan (Schweiz)

 

Donnerstag, 04.06.2015

00 Wolfgang KrellDie diesjährige Tagung wurde auf Einladung von Martin Vinzens wie schon zuvor im Jahr 2006 wieder in Saxerriet und Oberschan ausgerichtet. Die Unterbringung erfolgte im Hotel Alvier – eine Tagungsstätte ganz hoch auf dem Berg gelegen, mit Blick über das obere Rheintal und das gegenüber liegende Fürstentum Liechtenstein.


Knapp 30 Teilnehmer/innen aus Polen, Belgien, Frankreich, Luxembourg, Deutschland und der Schweiz nahmen an der Tagung teil. Am ersten Abend wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen herzlich vom Vorsitzenden Wolfgang Krell begrüßt und in der anschließenden Vorstellungsrunde machten sich alle gegenseitig mit den Anwesenden vertraut.

 

 

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Freitag, 05.06.2015

Der zweite Tag begann mit der Fahrt ins Tal zur Strafanstalt Saxerriet. Dort begrüßte der Direktor der Strafanstalt, Martin Vinzens, die Teilnehmer/innen der Tagung und erläuterte im Innenhof der Haftgebäude erste Grundlagen zu dieser Offenen Anstalt des Kantons St. Gallen.

01 Ueli GrafDer erste Referent der Tagung war Ueli Graf (ehemaliger Direktor der JVA Pöschwies, Schweiz), der mit seinem Vortrag „Alt, krank, eingesperrt!" über die Lage in der Schweiz berichtete. Die JVA Pöschwies bei Zürich, an der Ueli Graf tätig war, hat 450 Haftplätze und ist eine der größten Haftanstalten der Schweiz.
Ueli Graf nahm teil an einer Schweizer Kommission, die sich diesem Thema widmete. Er machte deutlich, dass alte Inhaftierte im Strafvollzug die Schwachen seien und diese vor den „Starken" zu schützen seien. Dies kann nur mit genügendem Personal wirksam ermöglicht werden, wobei die Mitarbeiter/innen aber auch entsprechend auf diese besondere Aufgabe vorbereitet sein müssen. Er erläuterte die aktuelle Situation in der Schweiz und zeigte auf, welche neuen Initiativen bereits ergriffen wurden. Außerdem wies er auf die grundsätzliche Frage hin, ob Menschen in hohem Alter bzw. mit schweren Einschränkungen wirklich eingesperrt werden sollen.

02 Aline ChassagneAline Chassagne (Besançon, Frankreich) ist Doktorandin an der Universität von Besançon und schreibt an einer wissenschaftlichen Untersuchung zu alten Menschen im Vollzug. Sie hospitiert gleichzeitig in einem Krankenhaus, so dass sie beide Bereiche (Strafvollzug wie auch Krankenhaus) aus der Praxis kennt.
Ihr Vortrag trug den Titel: „Vieillir et mourir derrière les barreaux – Altern und Sterben hinter Gittern". Seit 1994 untersteht die medizinische Versorgung von Inhaftierten in Frankreich nicht mehr dem Justizministerium, sondern dem Gesundheitsministerium. Damit ist die medizinische Versorgung von der Verantwortung her unabhängig vom eigentlichen Strafvollzug organisiert. Alte und schwer kranke Inhaftierte werden in Frankreich deshalb entweder vom Gesundheitsdienst in der Haftanstalt versorgt oder in Krankenhäusern betreut, die zum Teil eigene, gesicherte Abteilungen für diese Gruppe von Inhaftierten eingerichtet haben oder in einem der 9 Krankenhäusern, die nur Insassen von Justizvollzugsanstalten aufnehmen. Aline Chassagne schreibt in ihrer Forschungsarbeit von einer kleinen Gruppe sowohl von Inhaftierten im Gefängnis wie auch von solchen, die im Krankenhaus versorgt werden. Sie stellte fest, dass es in beiden Bereichen sowohl positive wie auch negative Einflüsse gebe.

Führung durch die Strafanstalt Saxerriet nach Themengruppen
Das Mittagessen wurde im Schatten von alten Obstbäumen im Garten des „Schulhauses" der Strafanstalt Saxerriet serviert – mit Köstlichkeiten vom Grill.

04 Freitag02Anschließend fand in drei Themengruppen die Führung durch die Strafanstalt Saxerriet statt: eine Gruppe informierte sich genauer über den Vollzugsalltag und die genaueren Bedingungen im Übergangshaus, einer weiteren Gruppe wurde der Industriebereich mit den verschiedenen Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten präsentiert und der dritten Gruppe der große landwirtschaftliche Bereich der Anstalt.
05 Freitag03Für die Tagungsteilnehmerinnen war es ein sehr informativer Nachmittag, an dem die besonderen Bedingungen der Strafanstalt Saxerriet aufgezeigt wurden. Auch in der Schweiz selbst gilt Saxerriet als Modellanstalt, die seit Jahrzehnten immer wieder mit herausragenden neuen Ideen den Vollzug veränderte.

Im Anschluss fuhren die Teilnehmer/innen der Tagung zum Staatswingert Frümsen. Dort informierte Barbara Oppliger, eine Agronomin und Mitarbeiterin des Landwirtschaftlichen Zentrums Rheinhof, über den Auftrag dieses staatlichen Weingutes, das neben der Weinproduktion insbesondere auch mit der Sammlung und Konservierung der vielfältigen Rebensorten der Schweiz beauftragt ist. Zwei Sorten durften die Tagungsteilnehmer/innen dann noch bei der anschließenden Weinprobe verkosten.
Der zweite Tag der Tagung endete mit einem üppigen Abendessen im Restaurant des Hotels Alvier und der kulturellen Überraschung: eine Gruppe von Alphornbläsern spielte mehrere Stücke auf der Terrasse des Hotels mit diesen ganz speziellen Schweizer Blasinstrumenten. Zum Abschluss des Abends wurde die Mitgliederversammlung des Europäischen Forums für angewandte Kriminalpolitik e.V. durchgeführt.