Umgang mit Jugendkriminalität

Bericht über die Europäische Tagung
„Umgang mit Jugendkriminalität - Welche Reaktionen sind am effektivsten?"
vom 04. bis 07. Juli 2014 in Zgorzelec (Polen)

 

Donnerstag, 04.07.2014

Unsere Tagung findet in diesem Jahr im Janusz-Korczak-Heim, einer sozialtherapeutisch-pädagogischen Einrichtung, in Zgorzelec (Polen) statt – die Partnerstadt des deutschen Görlitz über der Neiße.
DSCN7477Nach dem Abendessen wurde ein Lagerfeuer entzündet und alle Teilnehmer/innen trafen sich bei wunderschönem Wetter rund um das Feuer. Die Teilnehmer/innen aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Schweiz, Tschechischen Republik, Slowakei, Kroatien, Ungarn und Polen stellten sich der Reihe nach vor und erläuterten ihren persönlichen Bezug zu Jugendkriminalität und Kriminalpolitik.

 

 

Freitag, 05.07.2014

DSCN7478Die Tagung wurde offiziell eröffnet von Irenäus Stec, dem Leiter des Janusz-Korczak-Heims.
Er begrüßte neben dem Landrat des Kreises Zgorzelec weitere Vertreter/innen der Stadtverwaltungen von Zgorzelec und Görlitz, von der örtlichen Polizei, den Dekan von Zgorzelec, vom Gericht, der Staatsanwaltschaft und der Bewährungshilfe von Zgorzelec, vom Jugendamt und der Jugendgerichtshilfe Görlitz, sowie die deutschen Partner vom Janusz-Korczak-Heim aus Görlitz.
Insgesamt nahmen über 50 Personen an der Tagung teil. Der Landrat vom Kreis Zgorzelec und Wolfgang Krell als Vorsitzender des Europäischen Forums sprachen ein kurzes Grußwort.
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Polen
Der erste Vortrag wurde von Irenäus Stec gehalten: er stellte das Hilfesystem der Jugendhilfe in Polen vor und nahm besonderen Bezug auf die MOS, die Sozial-therapeutischen Erziehungsheime wie sein Janusz-Korczak-Heim in Zgorzelec.
Irenäus Stec gab einen informativen Überblick über die Organisation der Jugendhilfe in Polen. Er erläuterte die verschiedenen zuständigen Behörden und Einrichtungsformen und die gesetzlichen Grundlagen für die Hilfe für Jugend, denen „Demoralisierung" droht, die im Gesetz in ihren verschiedenen Stufen definiert ist.
Irenäus Stec wies insbesondere auf die ständigen gesetzlichen Änderungen hin, die auch noch sehr unklare Formulierungen enthalten. Dadurch wird die praktische Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen erschwert, denn bewährte Vorgehensweisen müssen der neuen Gesetzeslage angepasst werden. Irenäus Stec leitet das Janusz-Korczak-Heim in Zgorzelec, das ein so genanntes „MOS" ist: es handelt sich um eine stationäre Einrichtung der Jugendhilfe, in der Kinder und Jugendliche noch auf freiwilliger Basis, d.h. auf Wunsch der Eltern, aufgenommen werden. Der intensivere Eingriff – Unterbringung aufgrund richterlicher Anordnung – wird in der weitergehenden Einrichtung, den so genannten „MOW" durchgeführt.

Belgien
DSCN7494Im zweiten Vortrag stellte Marie-Christine Delbovier aus Belgien zuerst die Einrichtung vor, die sie leitet: das IPPJ St. Servais in der Nähe von Namur (Französische Gemeinschaft in Belgien). Es handelt sich um eine stationäre Einrichtung der Jugendhilfe mit 46 Plätzen und die einzige Einrichtung für Mädchen im französischsprachigen Teil Belgiens. Insgesamt stehen ihr dafür im Team 98 Vollzeitstellen im psychologischen, erzieherischen und Verwaltungsbereich zu Verfügung. Das Heim ist grundsätzlich offen, lediglich für 4 Mädchen gibt es eine geschlossene Abteilung.
Im Folgenden ging Marie-Christine Delbovier näher ein auf die aktuelle Problematik in Belgien beim Umgang mit straffälligen Jugendlichen, insbesondere den Mangel an Plätzen in Erziehungsheimen, die geringe Anwendung von alternativen Maßnahmen und die Überbeanspruchung der relativ intensiven Maßnahmen im IPPJ. Sie erläuterte dazu Vorschläge für eine Verbesserung in diesen drei Problembereichen.

 

Exkursion
Mit dem Bus machten sich die Teilnehmer/innen der Tagung auf zu einer Exkursion zur Besichtigung einer so genannten „MOW"-Einrichtung. Es handelt sich dabei um eine Jugendhilfe-Einrichtung, in die Jugendliche aufgrund richterlicher Weisung aufgenommen werden. Es handelt sich also nicht mehr um eine Einrichtung der freiwilligen Erziehungshilfe, sondern bereits der staatlich angeordneten Erziehung und Unterbringung.

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Das MOW in der Nähe von Zgorzelec war eine ehemalige Schule auf dem Land und ist im letzten Jahr neu renoviert worden. Die geschlossene Einrichtung hat insgesamt 36 Plätze für männliche Jugendliche im Alter von 15 – 18 Jahren. Die Zimmer in den drei Gruppen sind als 2 – 4 Betten-Zimmer gestaltet. Es gibt 20 pädagogische Fachkräfte, 7 Mitarbeiter/innen für Hauswirtschaft und Technik und eine Mitarbeiterin in der Verwaltung. Es gibt drei Klassen in der Einrichtung, in denen Unterricht der gleichen Art stattfindet, wie in der öffentlichen Schule. Der Aufenthalt im Haus ist vom Richter angeordnet und auch überwacht. In der Regel bleiben die Jugendlichen bis zur Erreichung der Volljährigkeit mit 18 Jahren.

DSCN7519Der zweite Tag der Tagung endete mit einem Abendessen in einem Restaurant in Zgorzelec und der Mitgliederversammlung des Europäischen Forums für angewandte Kriminalpolitik e.V. Während des Abendessens sorgte das Viertelfinalspiel von Frankreich gegen Deutschland der WM 2014 in Brasilien durchaus für Aufregung aber auch für entsprechenden Spaß zwischen den deutschen und französischen Tagungsteilnehmer/innen.